Die Orgel der kath. Stadtpfarrkirche St. Philippus und Jakobus


Die in den Jahren 1489 bis nach 1500 erbaute spätgotische StadtpfarrKirche in Geisa bietet mit ihrem charakteristischen Turmaufsatz aus Fachwerk-Oktogon und welscher Haube aus der Ferne einen einmaligen, unverwechselbaren Anblick. Vergleichbare Türme findet man noch im schwäbischen Dinkelsbühl oder Nördlingen. Betritt man die spätgotische Kirche durch den Westeingang, so überrascht einen die freundlichen Helle des Langhauses. Dann wird der Blick durch den Chorbogen in den gewölbten Chorraum zum gotischen Flügelaltar aus Schleid (1491, seit 1958 in Geisa) gelenkt, der unter dem überlebensgroßen Corpus Christi am Kreuz mit dem relativ kleinen und niedrigen Flügelaltar eine optische Einheit bildet. Blickt der Besucher rückwärts nach Westen, erkennt er erst durch die Arkaden das nördliche Seitenschiff, aus dem wie eine Brücke die untere Empore beide Räume verbindet. Zwischen den Langhauswänden eingespannt stützt sich die obere Orgelempore mit ihrer interessanten Brüstung auf die untere Empore. Breit hingelagert steht hier oben ein Orgelgehäuse mit siebenteiligem Flachprospekt in der für den thüringischen Orgelbau des 19. Jahrhunderts, insbesondere der Schulze-Schule in Paulinzella, charakteristischen Architektur: abgestufte Rechteckfelder und ein Rundbogen über der Spielnische.

Nach der Säkularisierung des Fürstbistums Fulda (1802) kamen die Ämter Geisa und Dermbach im Wiener Kongreß 1815 an das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. Damit änderten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse und Beziehungen auch für das Orgelbauhandwerk, (so wie später durch den „Eisernen Vorhang" zwischen DDR und BRD). Waren bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts hauptsächlich die aus dem Raum Fulda stammenden Orgelbauer Oestreich und einige fränkische Meister maßgebend, so wurden ab 1820 unter dem wirtschaftlichen und kirchenpolitischen Diktat der neuen Weimarer Verwaltung praktisch nur noch thüringische Orgelbauer berücksichtigt oder zugelassen. So gibt es in den zwölf Kirchen des Geisaer Amtes mit Orgeln um 1900 noch fünf Barockorgeln (Bremen, Kranlucken, Motzlar, Schleid, Spahl), aber bereits sieben Orgeln der Firma Knauf, Gotha/Bleicherode: Geisa 1848, 1860, 1875, Geismar 1864, Ketten 1866, Buttlar 1876, Bermbach 1890 und Borsch 1894 (von Markert, Ostheim), Die damals noch thüringische Werkstatt Markert-Hoffmann in Ostheim v. d. Rhön trat damit in die Nachfolge der Firma Knauf im Geisaer Amt, betätigte sich aber hauptsächlich nur mit Reparatur- und Pflegearbeiten bis zum Zweiten Weltkrieg.

Aus der Geschichte der Vorgängerorgeln

Sichere Nachrichten über eine frühe Orgel etwa im 16. Jahrhundert gibt es nicht. Man vermutet aber, daß es in der Reformationszeit (wie in anderen Stadtkirchen auch) an der Nordwand eine Schwalbennestempore mit einem kleinen Orgelwerk gegeben haben könnte. Die um 1600 eingebaute U-fömige untere Empore reichte an den Langhauswänden entlang ursprünglich nach vorne bis zum südlichen Eingang, neben dem außen ein kurzer Treppenturm als Zugang zur Empore diente (heute stillgelegt). Spätestens im 17. Jahrhundert wurde dann eine Orgel angeschafft, die 1702 nach Hofbieber verkauft werden konnte. 1678 wurde ein Kantor von Schmalkalden, der in Fulda zum katholischen Glauben konvertiert war, eingestellt. Es gab also eine musikalische Tradition in der Taufkirche des berühmten Jesuiten und Universalgelehrten P. Athanasius Kircher (1602-1680), der in Rom gestorben ist. Einwandfrei belegt ist jedenfalls ihr Verkauf im Jahre 1702 an die Kirche in Hofbieber. Näheres über das Werk selbst ist nicht bekannt.

1700 bis 1703 wurden eine neue Orgell, Cantzel und anderen Nothwendigkeiten in der Pfarrkirche zu Stadt Gysa ausgeführt, wozu wahrscheinlich auch der Einbau der oberen Empore gehörte. Messingblech, Schaffelle, Tuch, Eichen-, Linden- und Tannenholz wurden beschafft. Daraus fertigte der Orgelmacher die Metall- und Holzpfeifen, die Windladen, Blasbälge, Windröhren und Trakturen. Aus Tannenholz wurde unter Mithilfe der heimischen Schreiner das Gehäuse gebaut und die Schnitzereien von Bildhauern gefertigt, darunter ein großes hochfürstliches Wappen, das jedenfalls noch bis 1848 vorhanden war. Es besagte , dass die Fürstabtei Fulda dieOrgel finanziert hat.

Der Orgelbauer kam aus (Bad) Salzungen, wo damals der Orgelmacher Christian Rode (auch Rothe) lebte und arbeitete. Seine Lebensdaten sind noch nicht ermittelt. Wir kennen aber schon einige Orgeln aus seiner Werkstatt: um 1690 Schwarzhausen, um 1695 Arnstadt, Frauenkirche, ein Orgelakkord für Waltershausen, 1696 Renovierung Ballstädt und 1726 Mechterstedt. Dazu zählt jetzt also auch Geisa, Stadtkirche, um 1702. Rode schrieb auch Gutachten (1696 und 1706) über die große Orgel in Ohrdruf , St. Michael, wo er mit dem Organisten Johann Christoph Bach (1671-1721) vertrauensvoll zusammenarbeitete. Er ist auch bekannt als Lehrmeister des Thüringer Orgelmachers Heinrich Nikolaus Trebs (1668-1748) in Weimar. Es gab also auch damals schon Beziehungen zwischen Thüringen und Geisa.

Akten oder Beschreibungen der Rode-Orgel von 1702 fehlen auch im Pfarrarchiv, da die Orgel von der Fuldaer Regierung finanziert worden war. Sicher ist aber, daß es sich um eine ansehnliche Barockorgel mit einem reich geschnitzten und vergoldeten Prospekt gehandelt haben muß, die sicherlich im Laufe des 18. Jahrhunderts immer wieder gepflegt, vielleicht sogar auch einmal umgebaut oder verändert worden ist. Nach 1802 ging die Zuständigkeit wahrscheinlich an die Stadt Geisa über; denn 1830 erkundigte sich die Weimarer Behörde anläßlich einer Balgreparatur, ob der Stadtrat für die Orgel zuständig wäre. Damals hatte die Orgel noch ein barockes Gehäuse mit einem reich geschnitzten und vergoldeten Prospekt mit Wappen. Am 12. Februar 1847 beantragte das Pfarramt „anstelle des total unbrauchbar gewordenen alten Orgelwerks" eine neue Orgel. Es hatte auch schon einen Vertrag mit dem Orgelbauer Friedrich Knauf (1802-1883) aus Großtabarz ausgehandelt. Der Kostenvoranschlag mit der Disposition ist im Pfarrarchiv nicht vorhanden. Demnach wurde die Orgel von der Stadtverwaltung in Auftrag gegeben. Da die 1848 fertiggestellte Orgel noch vorhanden ist, ist der Verlust dieser Unterlagen zu verschmerzen.

Die 170-jährige Geschichte der Knauf-Orgel verlief bis auf den rapiden Verfall seit dem Zweiten Weltkrieg 1945 weitgehend störungsfrei. Knauf hatte die Orgel mehrere Jahrzehnte in Pflege und hielt sie in gutem Stand. 1894 machten sich erstmals größere Mängel („in traurigem Zustand") bemerkbar, weil Knauf sie „im Stich gelassen" hatte, also nicht mehr gekommen war. Eine Reparatur erfolgte dann 1895 durch Wilhelm Oestreich aus Bachrain, von dem ein Kostenvoranschlag mit der Originaldisposition (1804) im Firmenarchiv Markert-Hoffmann in Ostheim/Rhön vorhanden ist. Otto Markert setzte 1906 die linke Pedallade höher, um einen besseren Emporenzugang zu ermöglichen, ersetzte die Register Gamba und Salicional durch neue Pfeifen, die alte Keibalganlge durch einen neuen Magazinbalg und führte verschiedene Reparaturen aus.

Bei dieser Gelegenheit wurde auch eine andere Lösung der Platzfrage diskutiert. Otto Markert schlug vor, die ganze Orgel von der oberen Empore auf die untere Seitenempore im Nordschiff zu stellen. Er zeichnete dazu zwei neue Prospektentwürfe mit Vorder- und Seitenansicht aus den vorhandenen Kompartimenten. Die Orgel sollte dann seitenspielig werden. Der interessante Plan kam aber nicht zur Ausführung. Zwischen 1920 und 1940 wurde von einem nicht bekannten Orgelbauer im Oberwerk das Register Flachionet gegen Aeoline 8´ ausgetauscht. 1943/44 war die Orgel nach eigener Erinnerung noch in gutem Zustand, der sich nach dem Krieg zunehmend verschlechterte. Bei einer Untersuchung 1991 war sie in einem Bretterverschlag völlig eingehaust und nur schwer zugängig. Im Innern zeigten sich Schäden am Gerüst, Regier- und Pfeifenwerk sowie deutliche Spuren vom Holzwurm.

Im Zuge der großen Kirchenrenovierung wurde dann auch die Knauf-Orgel von 1996 bis 2000 von den Firmen Gerald Woehl, Marburg, (Pfeifenwerk) und Orgelbau Waltershausen (Mechanik) umfassend restauriert und zählt nun mit ihrer hervorragenden barock-romantischen Klangpracht zu den bedeutendsten historischen Orgeln Thüringens und der Rhön.

Beschreibung der Friedrich-Knauf-Orgel von 1848

Der Prospekt

Auf der Empore ist man zunächst von dem enormen Ausmaß des im spätklassizistischen Stil gehaltenen Orgelgehäuses überrascht: Es misst fast acht Meter in der Breite (genau 7,54 m) und reicht mit sechs Meter Höhe nahe an die Flachdecke der Kirche. Die Vorderseite des Gehäuses, der Prospekt, zeigt die im Grunde „klassische" Gliederung aller Orgeln in symmetrisch angeordnete architektonisch gerahmte Pfeifengruppen in verschiedenen Größen. Hier sind es sieben Achsen in abgestufter Reihenfolge vom hohen Mittelfeld über zweigeschossige Zwischenfelder zum Seiten- und Außenfeld. In die jeweils rechteckig gerahmten Felder sind die Prospektpfeifen eingestellt. Es gehört zur Eigenart der Werkstatt Knauf und anderer Thüringer Orgelbauer des 19. Jahrhunderts, daß sie ihre Orgeln mit Blindprospekten ausstatteten, d. h. die Prospektpfeifen sind nicht klingend, sondern stumm. Sie konnten daher auch durch billige silberfarbige Attrappen aus Holz ersetzt werden, wie es auch in Geisa der Fall ist. Es handelt sich dabei um vorne gerundete, hinten abgeflachte Stäbe aus Holz mit aufgemalten Labien. (Im klassischen Orgelbau sind die Prospektpfeifen immer klingend und als Haupt- oder Prinzipalstimme mit dem inneren Orgelwerk verbunden.) Da die Pfeifen in den einzelnen Feldern ebenfalls symmetrisch geordnet sind, bilden sie jeweils eine ungradzahlige Mitraform (kommt von der bischöflichen Kopfbedeckung Mitra). Der leere Raum zwischen Pfeifen und Obergesims wird durch fein geschnitztes Rankenwerk „verschleiert", an dem man in der Regel die Entstehungszeit grob bestimmen kann. Am Geisaer Prospekt sind alle Pfeifenfelder durch bogenförmige bzw. halbrunde Schleier verkleidet, ihre Bögen mit eine Art Knospen verziert, welche sich um die Pfeifenenden drapieren. Das überhöhte obere Mittelfeld ist wegen seiner Breite mittig durch ein schlankes Säulchen geteilt, behält aber durch den Überfangbogen mit eingeschlossener Rosette seine Geschlossenheit. Wahrscheinlich stammt der Schnitzdekor,der besonders filigran über der Spielnische gearbeitet ist, von dem Hofbildhauer Michael Betzet († 1876), der meistens für Friedrich Knauf gearbeitet hat. Typisch für Knauf ist auch die Gestaltung der dreimanualigen Spielanlage mit der charakteristischen Bogennische darüber und den beiden Registertafeln, wo Knauf seine Manubrien als griffige „Knäufe" übersichtlich platziert hat: links die Register von Hauptwerk und Pedal, rechts mit „O" bezeichnet die Register des Obermanuals und die mit „M" gekennzeichneten Manubrien des Mittelmanuals. Die getreppten Klaviaturbacken sind aus schwarz gebeiztem Buchenholz. Der Manualumfang beträgt C bis f3 mit 54, der des Pedals C bis d1 mit 27 Tasten.

Die Disposition

Die ursprüngliche Disposition war:

I Hauptwerk H II Mittelmanual M III Obermanual O Pedal P

Bordun 16´ Gedackt 16´ Salcional 8´ Violonbaß 16´

Principal 8´ Geigenprincipal 8´ Harmonica 8´ Subbaß 16´

Gamba 8´ Gemshorn 8´ Flauto traverso 8´ Octavbaß 8´

Hohlflöte 8´ Stillgedackt 8´ Kleingedackt 4´ Violonschello 8´

Gedackt 8´ Octave 4´ Flachiolet 2´ Bosaunbaß 16´

Flauto dulce 4´ Spielflöte 4´ [5] [5]

Octave 4´ Octave 2´

Quinte 3´ Scharf 4f. 1´

Octave 2´ [8]

Mixtur 4-5f. 2´

Cimbel 3f. 1´

[11]

Die Reihenfolge der Register entspricht der Schleifenfolge auf den Windladen. Sie richtet sich nach der Pfeifenlänge, so dass die größten Pfeifenreihen hinten, die kleinsten vorne stehen und sich klanglich nicht gegenseitig behindern oder übertönen können. Außerdem erleichtert sie die Erreichbarkeit beim Stimmen der Orgel.

Das Hauptwerk besteht aus dem vollstänigen Principalchor mit doppelter Klangspitze und ist zusätzlich mit vier Farbstimmen (3 x 8´, 1x 4´) ausgestattet. Das II. Manual ist als Oberwerk über dem Hauptwerk installiert und ist klanglich die reduzierte Echoform des Hauptwerks. Das III. Manual oder Hinterwerk steht hinter dem Oberwerk auf der gleichen Windlade und enthält ausgesuchte Begleit- und Solostimmen. Das Pedal hat reine Baßfunktion, die mit der Posaune noch kräftig verstärkt wird.

Friedrich Knauf (1802-1883) war von etwa 1833 bis 1855 Inhaber des Orgelbaubetriebs und hat in diesen Jahren 34 Orgeln gebaut. Von 1855 an teilte er die Firma mit seinem Sohn Guido (Friedrich Knauf & Sohn), bis dieser um 1870 die Nachfolge übernahm. In diesen 15 gemeinsamen Jahren entstanden noch einmal über 30 Orgelwerke. Rechnet man dazu noch die Orgeln, bei denen er unter seinem Vater Valentin Knauf (1762-1847) mitgearbeitet hat, so kann man von einem erfahrenen und erfolgreichen Meister sprechen.

Beim Vergleich der Geisaer Disposition mit anderen Knauf-Dispositionen entsprechender Größe lassen sich viele Übereinstimmungen, aber auch einige Unterschiede feststellen. Die Übereinstimmungen betreffen vor allem das Hauptwerk, das mit seinem Principalchor und seinen Farbregistern (Gedackt, Gamba und Hohlflöte 8´ sowie Flauto dolce 4´) nahezu durchgehend bei allen Orgeln über 25 Register identisch ist (Apfelstätt, Bleicherode, Friemar, Gotha), um die wichtigsten zu nennen. Das II. Manual basiert durchwegs auf Geigenprincipal 8´ und reduziertem Principalchor mit Mixtur oder terzhaltigem Kornett als Klangkrone. Dieser Kernbestand wird von Farbstimmen in nahezu gesetzmäßiger Reihenfolge umgeben. In Geisa dagegen enthält das Mittelmanual neben dem Principalchor nur ein Gemshorn, Stillgedackt 8´ und Spielflöte 4´, es ist also die klangliche Echoform des Hauptwerks mit „stillen" Begleitstimmen. Im Geisaer Obermanual finden sich dann separat spielbar die restlichen Begleit- oder Solostimmen, darunter die sonst seltene Harmonika 8´. Geisa, Stadtkirche, und Duderstadt, St. Cyriacus (III/42), waren die einzigen dreimanualigen Orgeln, die Knauf gebaut hat. Duderstadt besaß allein sieben Zungenstimmen, drei im Pedal, zwei im Hauptmanual und je eine im II. und III. Manual, eigenartigerweise eine durchschlagend (modern), die andere aufschlagend (klassische Bauart). Friedrich Knauf verzichtete in den Manualen weitgehend auf Zungenstimmen, verstärkt. aber regelmäßig das Pedal mit einem donnernden Posaunenbaß 16´.

Windladen und Trakturen

Auf einem rund zwei Meter hohen Untergestellt sind in etwa gleichen Abstand zwei Windladen in zwei Stockwerken übereinander installiert. Auf ihnen stehen in chromatischer Reihenfolge (C Cs D Ds E usf.) die Manualregister der Orgel, auf der unteren Lade die Hauptwerksregister, auf der oberen, einer kombinierten Zwillings-Schleiflade, die Stimmen des II. (Oberwerk) und III. Manuals (Hinterwerk). Wegen ihrer enormen Länge von fast vier Metern sind die Windladen in der Mitte geteilt: Auf der linken Unterlade stehen 15 Baßpfeifen von C bis d°, auf der rechten 39 Töne der Diskantseite (ds° bis f3). Der Windkasten mit den Ventilen ist hinten.

Die Spieltraktur des I. Manuals besteht aus einer senkrechten Stecherserie unter der Tastatur, einer waagrecht und strahlenförmig verlaufenden Abstraktenserie nach innen und einer Hängetraktur zum hinteren Windkasten.. Mittels der strahlenförnig gespreizten, fächerförmigen Abstraktur wird die enge Tastenteilung in die Windladenteilung direkt übersetzt.. Dicht unter dem Strahlenfächer I verläuft ein zweiter mit eigener Traktur zu den Ventilen der Pedalkoppel I von C-d1. Die Registertraktur zum Hauptwerk verläuft über die Wellenbäume und Zugstangen, die in die strahlenfömig angebrachten Registerwippen eingreifen und alle Register an der linken Ladenseite bewegen.

Die Oberlade ist durch einen Zwischenschied der Länge nach geteilt (kombinierte Schleiflade). Jede Hälfte (Ober- bzw. Hinterwerk) hat einen eigenen Windkasten. Spieltraktur: Mittel- und Obermanual hängen (parellel hintereinander) an senkrechten Abstrakten-Bahnen, die am oberen Ende jeweils einen schrägen Strahlenfächer an die Unterseite der Oberlade lenken, die vordere Bahn an den vorderen Windkasten, die hintere etwas weniger steil an den hinteren Ventilkasten. Die Registertraktur verläuft spiegelbildich zum Hauptwerk auf der rechten Seite nach oben (an der Hauptwerkslade rechts vorbei) an die Windlade.

Das Pedalwerk ist auf zwei Laden, die Cis-Lade links und die C-Lade rechts, unterhalb der Hauptwerkslade (Bodenabstand 1,60 Meter) verteilt, so dass die langen Baßpfeifen hinter den Seitenfeldern des Prospekts frei aufragen können. (Die linke CisLade musste 1905 auf die Höhe des Hauptwerks angehoben werden, um mehr Platz für den seitlichen Durchgang zur Empore zu gewinnen, ausgeführt von Markert, Ostheim/Rhön). Infolge der Tonteilung auf zwei entgengesetzte Seiten entstehen jeweils diatonische Tonfolgen auf C, D, E Fis etc (rechts) bzw. Cis, Dis, F, G usf. (links). Die Aufteilung der chromatischen Pedaltonfolge in die beiden diatonischen Reihen erfolgt ganz einfach durch einen diagonalen Winkelbalken in der Pedaltraktur, auf dem die Winkel zweireihig übereinander so angeordnet sind, dass die Zugbewegung abwechselnd nach rechts zur C-Lade bzw. nach links zur Cis-Lade umgelenkt wird. Spieltraktur: Im Pedal senkrechte Stecherserie, waagrechte Abstraktenbahn nach innen, auf dem Diagonalbalken Umsortieren auf die beiden Seiten des Wellenrahmens, Umlenkung an die Pedalventile. Die Registertraktur ist sehr einfach: von den Registerbäumen verlaufen lange Stangen zwischen beiden Pedalladen, die am jeweiligen Ende die Schleifenwippen direkt betätigen, welche an der Innenseite der Lade fächerförmig angebracht sind.

Zu den Spielhilfen gehören die mechanischen Koppeln: die Manualkoppel II/I und Manualkoppel III/II sowie die Pedalkoppel I/P. Die Manualkoppeln sind als einarmige Hebelkoppel konstruiert: Zwischen den Manualebenen befindet sich hinten eine Leiste mit Blindklaves d. h. pro Taste ein Hebel drehbar gelagert, der mit einem Gewindedraht durch eine Bohrung der Obertaste geht und darüber mit einer Stellschraube versehen ist. Die gleiche Verbindung besteht auch zwischen der Untertaste und dem durchbohrten Hebel. Ist die Führungsleiste hochgestellt, stellt sich der Hebel waagrecht und bringt die beiden Gewindedrähte mit den Stellschrauben in Koppelstellung: wird jetzt die untere Taste gedrückt, zieht sie den Hebel und dieser die obere Taste mit nach unten. Wird die Führungsleiste abgesenkt, stellt sich der Hebel schräg, so dass die beiden Stellschrauben nicht mehr „greifen", die Koppel ist abgeschaltet. Bei eingeschalteter Manualkoppel „gehen" also die Tasten des angekoppelten Manuals „mit". Die Koppeltraktur besteht aus einer hinter den Manualen quer gelagerten Welle, an der die Hebelleiste an den Enden aufgehängt ist, und die mit dem Registerzug direkt verbunden ist. Bei der Pedalkoppel ist die Hebelleiste durch einen Winkelbalken ersetzt, der die Zugbewegung vom Pedal über einen Abstraktenfächer zu den Koppelventilen der Hauptwerkslade umlenkt. Wird der Balken gehoben, greifen die Stellschrauben am Abstraktenschuh (durchbohrtes Klötzchen an der Abstrakte), die Koppel ist eingeschaltet. Wird er abgesenkt, greifen sie nicht, gehen ins Leere. Dann werden auch die Koppelventile in der Manuallade nicht betätigt. Bei eingeschalteter Pedalkoppel werden daher die entsprechenden Manualtasten nicht mitbewegt. Das Ein- und Ausschalten funktioniert wie bei den Manualkoppeln mittels einer Welle, die den Winkelbalken hebt und senkt.

Zur Windversorgung

Ursprünglich wurde die Orgel von vier Keilbälgen, montiert auf einem Balggestell im Turmraum, mit Wind versorgt (Markert nannte sie „Spannbälge"). Beim Betätigen durch den Kalkanten wurden die Balgplatten einseitig (keilförmig) aufgezogen, saugten dabei Luft ein und gaben sie beim Absinken durch ein Rückschlagventil in das Kanalsystem ab. Das Eigengewicht der Balgplatte und aufgelegte Gewichte sorgten für einen bestimmten Winddruck (hier 64 mm Wassersäule), der für die Ansprache der Pfeifen erforderlich ist. 1906 entfernte Otto Markert die alte Balganlage und ersetzte sie durch einen Doppelfalten-Magazinbalg mit Fußschöpfer, der später mit einem Elektrogebläse verbunden wurde. Die Verteilung an die Windladen, genauer an die dazugehörenden Windkästen, erfolgt über ein ausreichend bemessenes hölzernes Kanalsystem.

Beschreibung des Pfeifenwerks

(mit Ergänzungen von Kilian Gottwald)

I Hauptwerk (Register in der Reihenfolge von hinten nach vorn)

1. Bordun 16´ C-H Kiefer, ab c° Eiche, ab c1 Deckel Birnbaum, Vorschläge

aufgeschraubt

2. Principal 8´ C-d° Holz, Fortsetzung Zinn

3. Gamba 8´ C-d° Holz, Fortsetzung Metall

4. Hohlflöte 8´ Holz, Fichte, ab c2 Birnbaumdeckel

5. Gedackt 8´ Holz, Eiche

6. Octave 4´ (6lötiges) Metall

7. Flaute dulce 4´ Holz, Birnbaum, ab g2 Metall

8. Quinte 3´ Metall

9. Octave 2´ Metall

10. Mixtur 4f. 2´ Metall

11. Cimbel 3f. 1/2´ Metall

II. Oberwerk

1. Gedeckt 16´ Holz, Fichte, ab c2 Birnbaumdeckel [1906 C-Ds erneuert, gekröpft]

2. Geigenprincipal 8´ C-H gedeckt, Fichte, Fortsetzung Metall

3. Gemshorn 8´ C-H Holz, Fortsetzung (6lötiges) Metall

4. Still Gedact 8´ Holz, ab e1 Eichendeckel, ab c3 Metall

5. Octave 4´ (6lötiges) Metall

6. Spielflöte 4´ Holz, Birnbaum, ab fs2 Metall

7. Octave 2´ Metall

8. Scharf 4fach 1´ Metall

III Hinterwerk

1. Salcional 8´ C-f° Holz, Fortsetzung Metall [1906 erneuert]

2. Harmonica 8´ Holz, Fichte und Birnbaum, quadratischer Aufschnitt, Frosch,

[2000 rekonstruiert nach Vorbild Friedhofskirche]

3. Flauto traverso 8´ Holz, Fichte und Birnbaum, konisch, überblasend [rekonstruiert]

4. Flageolet 2´ Metall, [später bis heute Äoline aus Salicionalpfeifen?]

5. Kleingedact 4´ C-d° Fichte, ab ds° Eichendeckel, ab d2 Metall

Pedal

1. Violonbaß 16´ Holz, offen, Fichte

2, Subbaß 16´ Holz gedeckt, Tanne

3. Octavbaß 8´ Holz, Tanne

4. Violonbaß 8´ Holz, Tanne

5. Bosaunbaß 16´ Stiefel und Aufsätze von Zink

Die gemischten Stimmen

Die Mixturen der Geisaer Friedrich-Knauf-Orgel sind regelmäßig aus Quinten und Octaven zusammengesetzt und haben Oktavrepetition d. h. am nächsten Repetitionspunkt springt der Chor in die tiefere Oktave zurück. Die Mixtur des Hauptwerks ist 5fach im Pedalbereich C-d1, dann 4fach im Diskantbereich, repetiert aber nur zweimal von 2´-4´-8´. Die Cimbel repetiert viermal von ½´-1´-2´-4´-8´; Scharf dagegen nur dreimal 1´,-2´,-4´,-8´. Durch die verschobenen Repetitionspunkte wird vermieden, daß sich die drei Chöre auf gleicher Klangstufe sozusagen verdoppeln. Sie sollen sich vielmehr ergänzen, so daß die Repetitionen in der Tonleiter kaum wahrzunehmen sind.

Bemerkenswertes zur Knauf-Orgel

Organisten, die die Orgel auch konzertant bespielt haben, äußerten sich durchweg zurückhaltend über ihre Spielbarkeit. Eigentlich müsste die Strahlenmechanik mit der kürzesten und direkten Verbindung zwischen Taste und Spielventil in der Windlade die Spielart erleichtern. Hier leisten aber die sehr großen Spielventile im Hauptwerk einen größeren Luftwiderstand, der vom Spieler eine ziemliche Kraftanstrengung verlangt, während die oberen Manuale angenehmer zu spielen sind. Bei gekoppelten Manualen ist ein schnelles Spiel fast nicht mehr möglich. Dagegen ist die Einrichtung der Spielkonsole, insbesondere der griffigen „Knäufe" mit der originalen Beschriftung auf Porzellanplättchen sehr ansprechend.

In den Knauf-Orgeln spielt wie bei vielen Thüringer Orgelbauern der Zeit das Material Holz eine größere Rolle als bei vergleichbaren Meistern anderer Regionen. So sind nahezu alle Glieder der Strahlenmechanik aus Holz, auch alle Winkel mit Ausnahme der sehr eng gelagerten Metallwinkel der Fächertrakturen, deren Winkel nicht parallel, sondern genau in Richtung der gespreizten Abstrakten montiert sein müssen. Auch die schräg montierten Schleifenwippen untersetzen mit ihren Drehpunkten die Registerzugbewegung korrekt und leichtgängig. Untersetzung der bestimmt, also genau berechnet sein muß. Allein der Schleifenangriff, wo die schräge Wippe mit der horizontal gelagerten Schleife korrespondiert, erfordert eine saubere Arbeit: einmal für das kantige Zwischenstück am Schleifenende mit der seitlichen Führungsnute, und dem rund geschnitzten Kopf der Schleifenwippe, der in dieser Führung mit geringster Reibung die Schleife verschiebt. Ebenfalls ganz aus Holz gearbeitet sind die stabilen und geschlitzten Ärmchen an den Registerbäumen, in welche die Registerzugstangen mit Holznägeln beweglich eingezapft sind. Schrauben aus Holz mit Vierkantkopf finden sich auch an den Spunddeckeln der Windkästen.

Die wichtigsten Veränderungen bei der Restaurierung der Jahre 1996/2000: Die fehlenden Register Harmonica und Flauto traverso wurden rekonstruiert. Die verwurmten Manualtastaturen wurden gegen neue der gleichen Machart ausgetauscht, und die Pedaltasten erneuert. Verschiedene Änderungen der Trakturführung brachten leichtere Spielbarkeit und verbesserten Zugang zum Stimmen.